open search
close
Arbeitszeugnis Neueste Beiträge Zeugnis

Wir sind (k)ein Team – zum Anspruch auf identische Arbeitszeugnisse bei Scrum & Co.

Print Friendly, PDF & Email

Die agile Transformation macht auch vor der Arbeitswelt keinen Halt. Arbeiten in agilen Projektteams liegt im Trend, wie beispielsweise nach der Scrum-Methode. Kennzeichnend für Scrum und andere Formen agilen Projektmanagements sind die Selbstorganisation und interdisziplinäre Zusammensetzung des Teams. Das Team kontrolliert und reguliert sich selbst. Der Erfolg des Projektes wird als Erfolg des gesamten Teams betrachtet. Doch folgt daraus, dass innerhalb des Teams allen Mitgliedern identische Arbeitszeugnisse auszustellen sind? Die klare Antwort des Arbeitsgerichts Lübeck lautet: Nein – individuelle Beurteilungen bleiben auch in agilen Projektteams möglich. Lesen Sie dazu unseren Beitrag.

Anspruch auf ein qualifiziertes Arbeitszeugnis

Bei Beendigung seines Arbeitsverhältnisses hat ein Arbeitnehmer gemäß § 109 Abs. 1 GewO Anspruch auf ein schriftliches Arbeitszeugnis. Das Zeugnis muss mindestens Angaben zu Art und Dauer der Tätigkeit enthalten (sog. einfaches Zeugnis). Der Arbeitnehmer kann nach § 109 Abs. 1 Satz 3 GewO verlangen, dass sich die Angaben darüber hinaus auf Leistung und Verhalten im Arbeitsverhältnis erstrecken (sog. qualifiziertes Zeugnis). Das Zeugnis muss in erster Linie der Wahrheit entsprechen (Wahrheitspflicht). Daneben soll ein Zeugnis das berufliche Fortkommen des Arbeitnehmers nicht unnötig erschweren (Wohlwollenspflicht). Das Arbeitszeugnis kann aber nur im Rahmen der Wahrheit wohlwollend sein (vgl. BAG, Urteil vom 14. Juni 2016 – 9 AZR 8/15).

Arbeiten nach der Scrum-Methode  

Die Arbeit nach der Scrum-Methode ist die derzeit wohl am meisten genutzte Art agilen Projektmanagements. Wichtigste Kennzeichen eines Scrum-Teams sind dessen interdisziplinäre Zusammensetzung sowie die Selbstorganisation. Beim Arbeiten nach der Scrum-Methode bestehen nur wenige Regeln. Fachliche Weisungen durch den Arbeitgeber werden auf ein Minimum beschränkt. Stattdessen kontrolliert und reguliert sich die Arbeitsgruppe selbst. In Scrum-Teams wird auf traditionelle Hierarchien verzichtet. Die Teammitglieder sind gleichberechtigt. Der Arbeitserfolg wird dabei anhand des Gruppenerfolgs gemessen. Individuelle Leistungen und Erfolge treten in den Hintergrund.

Die Entscheidung des Arbeitsgerichts Lübeck

Das Arbeitsgericht Lübeck hatte sich in seiner Entscheidung vom 22. Januar 2020 – 4 Ca 2222/19 mit einer Forderung auf Zeugnisberichtung eines Arbeitnehmers zu befassen, der bei der Beklagten als Mitglied eines Scrum-Teams tätig war. Nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses erteilte die Beklagte dem Kläger ein qualifiziertes Arbeitszeugnis. Der Kläger war der Auffassung, die Beklagte habe ihn im Vergleich zu den übrigen Team-Mitgliedern schlechter bewertet, und verlangte die Angleichung seines Zeugnisses. Seinen vermeintlichen Anspruch auf ein gleichlautendes Zeugnis begründete der Kläger mit dem Zurücktreten individueller Arbeitsleistungen innerhalb eines Scrum-Teams. Der Arbeitserfolg werde bei der Arbeit nach der Scrum-Methode vorrangig anhand des Erreichens der Team-Ziele gemessen. Demnach sei die Arbeitsleistung des Klägers gleichermaßen zu bewerten wie die der übrigen Team-Mitglieder.

Das Arbeitsgericht Lübeck hat die Klage abgewiesen. Ein Anspruch auf ein gleichlautendes Arbeitszeugnis bestehe auch bei Arbeit in agilen Projektteams nicht. Die individuellen Arbeitsleistungen seien auch bei Arbeit nach der Scrum-Methode messbar und allein maßgeblich für die Tätigkeitsbeschreibungen und Leistungsbewertungen in Arbeitszeugnissen. Dem stehe die Arbeit in agilen Projektteams nicht grundsätzlich entgegen, selbst wenn die verwendete Methode das Gruppenergebnis in den Vordergrund stelle.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Das Arbeitsgericht hat die Berufung zugelassen.

Bewertung und Auswirkungen für die Praxis

Die Ausführungen des Arbeitsgerichts Lübeck sind überzeugend. Auch beim Arbeiten in agilen Projektteams ist die Ausstellung individueller Arbeitszeugnisse möglich und im Hinblick auf die Wahrheitspflicht des Arbeitgebers auch notwendig. Eine enge Zusammenarbeit im Team führt nicht automatisch zum Anspruch auf identische Arbeitszeugnisse. Individuelle Leistungsbeurteilungen bleiben auch in agilen Projektteams möglich, bei denen der Gesamterfolg des Teams im Vordergrund steht.

Arbeitgeber sind demzufolge im Hinblick auf die Zeugniserstellung gehalten, auch bei agiler Projektarbeit die individuelle Leistungsbeurteilung nachzuverfolgen. Mangels klassischer Rollenverteilung in agilen Projektteams wird die übliche Leistungsbewertung durch den der disziplinarischen Vorgesetzten kaum möglich sein. Arbeitgeber werden daher neue Methoden zu Leistungsbeurteilung von Arbeitnehmern entwickeln müssen. Bei der Arbeit in agilen Projektteams käme beispielsweise die Befragung der übrigen Team-Mitglieder nach deren Einschätzung der Arbeitsleistungen des jeweiligen Arbeitnehmers in Betracht.

KLIEMT.Arbeitsrecht




Wir sind Deutsch­lands führende Spe­zi­al­kanz­lei für Arbeits­recht (bereits vier Mal vom JUVE-Handbuch als „Kanzlei des Jahres für Arbeitsrecht“ ausgezeichnet). Rund 70 erst­klas­sige Arbeits­rechts­exper­ten beraten Sie bundesweit von unseren Büros in Düs­sel­dorf, Berlin, Frankfurt, München und Hamburg aus. Kompetent, persönlich und mit Blick für das Wesent­li­che. Schnell und effektiv sind wir auch bei komplexen und grenz­über­schrei­ten­den Projekten: Als einziges deutsches Mitglied von Ius Laboris, der weltweiten Allianz der führenden Arbeitsrechtskanzleien bieten wir eine erstklassige globale Rechtsberatung in allen HR-relevanten Bereichen.
Verwandte Beiträge
Individualarbeitsrecht Neueste Beiträge Video

Es bleibt dabei: Kein Anspruch auf Dankes- und Wunschformel im Arbeitszeugnis (Video)

Zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer besteht häufig Uneinigkeit darüber, welchen Inhalt ein Arbeitszeugnis haben muss und wie dieses zu formulieren ist. Seitens der Arbeitnehmer wird oftmals der Wunsch geäußert, dass das Zeugnis mit einer sog. Dankes- und Gute-Wünsche-Formel endet. Vereinzelt wird ein solcher Anspruch von Instanzgerichten unter bestimmten Voraussetzungen bejaht (wir hatten hierzu hier berichtet). Das BAG lehnt einen Anspruch auf eine solche Schlussformel allerdings in ständiger Rechtsprechung…
Individualarbeitsrecht Neueste Beiträge

Das tabellarische Arbeitszeugnis: Vergleichbar und transparent – laut BAG aber unzulässig

Darf ein Arbeitszeugnis auch wie ein Schulzeugnis geschrieben werden? Das BAG hatte darüber entschieden und die mangelnde Individualität eines Zeugnisses ohne Fließtext bemängelt. Doch genau diese Begründung mag verwundern. Die Erstellung eines Arbeitszeugnisses kann für den Arbeitgeber oftmals eine Herausforderung darstellen: Welche Formulierungen sind hinreichend transparent und entsprechen den gängigen Beurteilungen als „gut“ oder „befriedigend“? Wäre es da nicht einfacher, übersichtlicher und letztlich vergleichbarer, wenn…
Arbeitszeugnis Neueste Beiträge

Dauerbrenner Arbeitszeugnis: Anspruch auf Rückdatierung?

Die Zeugniserteilung stellt für viele Arbeitgeber eine ungeliebte Pflicht dar. Nicht wenige größere Arbeitgeber generieren Arbeitszeugnisse inzwischen mittels Textgeneratoren, die eine Zeugniserstellung mit wenigen Mausklicks ermöglichen. Arbeitnehmer sind hingegen in aller Regelmäßigkeit penibel darauf bedacht, bei der Beendigung des Arbeitsverhältnisses ein ihrem beruflichen Fortkommen dienliches Zeugnis zu erhalten. So wird am Ende oft über vermeintliche Kleinigkeiten gestritten. Nicht selten ebnen Befindlichkeiten oder bloße Sturheit auf…
Abonnieren Sie den KLIEMT-Newsletter.
Jetzt anmelden und informiert bleiben.

Die Abmeldung ist jederzeit möglich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert